top of page

Wir leben Brauchtum & Tradition

Die Burschenschaft Rödelsee



In Franken sind „Burschenschaften“ keine Studentenverbindungen, sondern in vielen Dörfern existierende Gruppierungen v

on „Ortsburschen“, die sich der Pflege von Brauchtum und Tradition widmen und wiederum selbst wieder völlig unterschiedliche Gepflogenheiten haben. Die Rödelseer Burschenschaft ist wohl eine der bekanntesten – nicht zuletzt wegen der alle zwei Jahre stattfindenden Kirchweihumzüge mit fantasievollen Themenwagen und Fußgruppen, die dann meist Tausende Besucherinnen und Besucher anlocken. Unterm Strich das Ergebnis von viel Einsatz und Leidenschaft für Verein und Brauchtum.


Karl-Josef Deppisch und Manfred Troll sind zwei dieser Hartnäckigen, die jahrzehntelang das Geschehen in der Rödelseer Burschenschaft mitgeprägt haben und mit Leib und Seele heute immer noch dabei sind – wenngleich eher als Gast unterstützend und, wenn danach gefragt, gerne auch mal mit Rat und Tat. „Irgendwann muss ja Schluss sein, die Jungen wollen nachrücken“, sind die beiden Alt-Burschenschaftler überzeugt. So hatten sie es einst gelernt, als sie Anfang der 1980er-Jahre der Burschenschaft beitraten, die da schon rund 20 Jahre lang wieder Wagen baute. „Eine Ehre, für eine Mitgliedschaft bei der Burschenschaft angefragt zu werden. Da geht man nicht einfach hin und füllt einen Mitgliedsantrag aus“, versichern die Beiden.



Als sie dem Traditionsverein beitraten, hatte dieser nach seiner Wiedergründung im Jahr 1963 sich schon wieder fest im Dorfgeschehen verankert. Ursprünglich war die Burschenschaft Mitte der 1920er Jahre gegründet worden und organisierte schon damals neben traditionellen dörflichen Festlichkeiten wie der Kirchweih auch zahlreiche weitere Veranstaltungen im Jahresverlauf, darunter Fasching und den Maitanz. Zur Kirchweih gehörte ein feierlicher Festzug, bei dem das Ein- und Ausgraben der Kirchweih hinter dem Sportplatz symbolisch begangen wurde.


Die Hauptattraktion bildete eine Kutsche mit dem Kirchweihbrautpaar, das von zwei Burschen dargestellt wurde. Gezogen wurden die Gefährte, soweit vorhanden, von Pferden. Aber auch Ochsen kamen zum Einsatz. Karl-Josef Deppisch kennt eine Episode aus jenen Jahren, die seit Generationen on Rödelsee weiter erzählt wird: Demnach sollen zwei Burschen gewettet haben, wer nach dem Genuss von 20 Liter Bier betrunkener sei. Der eine schummelte sodann und gab seiner Kuh das meiste Bier zu trinken. „Mit dem Ergebnis, dass die Kuh danach noch zwei Tage lang betrunken in der Dorfmitte lag.“


In den 1930er Jahren kamen diese Veranstaltungen durch die politischen Entwicklungen der NS-Zeit vollständig zum Erliegen. Erst 1947 wagten junge Burschen den Neuanfang, indem sie die traditionelle Kirchweihausgrabung und -eingrabung wiederbelebten. Damals wurden auch die Kirchweih-Gstanzeln sowie die Kirchweihpredigt nach altem Brauch abgehalten. Allerdings wurde die Fortführung dieser Tradition bereits 1949 erneut unterbrochen, da sich die örtliche Begeisterung für den Handballsport verstärkte und die Organisation anderer Veranstaltungen vernachlässigt wurde.


Wiederbelebung der Burschenschaft in 1963

Es war dann im Jahr 1963 zwei Tage vor der Kirchweih, als der damalige Main-Post-Reporter Hans Neußner aus Mainbernheim bei einer mittlerweile legendären Zusammenkunft in Rödelsee offen darüber sprach, wieso es eigentlich in den kommenden Tagen seitens der Burschenschaft keine besonderen Aktionen wie anno dazumal gebe. Spontan entschieden sich Alois Scharting, Ernst Roßmark, Bernhard Frieß und Franz Hauptmann, die Kirchweih wieder aufleben zu lassen. In jenem Jahr wurde erstmals das „Schubkarrenrennen“ auf der Dorfstraße durchgeführt – mittlerweile ist diese Tradition allerdings eine vergangene.


Anfangs finanzierten die Mitglieder die notwendigen Anschaffungen aus eigener Tasche, doch als der Aufwand wuchs, wurden Tanzabende in der Kelterhalle der ehemaligen Gastwirtschaft „Zum Löwen“ zur Finanzierung genutzt. 1966 wurde das fast vergessene „Maibaumaufstellen“ erneut eingeführt, und ab 1967 übernahm die Burschenschaft die Organisation des Kinderfaschings. 1976 entstand mit dem „Weinfassrennen“ eine neue Tradition, die künftig ein fester Bestandteil der „kleinen Kirchweih“ werden sollte – so heißt die Kirchweih seitdem alle zwei Jahre, wenn kein Umzug stattfindet. Seit 1964 hatten sich die Aufbauten der Wagen vordringlich mit dem Thema Wein befasst. Lautete das Motto des ersten Umzugs der Wiedergründung noch „Das Winzerjahr einst und jetzt“ wurden in den kommenden Jahren die Häcker und Weingenießer, der Schwanberg oder die Heiligen des Weines bedacht. 1975 war ein besonderes Jahr, wurden doch sämtliche damals elf westdeutschen Bundesländer und ihre Beziehung zum Wein thematisiert.


Klammerthemen wie die Geschichte Rödelsees oder auch mal ein „Best of“ zu Jubiläen prägten dann die kommenden Jahre, bis ab den 2000ern dann auch noch andere Mottos in den Fokus rückten. Dann war plötzlich „Das 20. Jahrhundert“ (2003), „Musicals und Filme“ (2005) oder „Rödelsee im Land der Märchen“ angesagt – und regte die Phantasie der Wagenbauer natürlich ungemein an.


„Die Ideen werden eigentlich das ganze Jahr über gesammelt und später in einzelnen Arbeitsgruppen erarbeitet. Spätestens Mitte August muss es dann mit dem Bauen losgehen“, meint Manfred Troll.  Das alles macht natürlich auch viel Arbeit, bei der der Spaß nicht zu kurz kommen darf. Vor allem auch, weil zur Kirchweih selbst alle helfenden Hände gebraucht wurden und werden, die Gäste zu bedienen und sich um den Aufbau von Zelten, Tischen und Bänken sowie Versorgungsständen zu kümmern.


Doch in der Zeit, als Deppisch und Troll sich engagierten, wurde zur allgemeinen Vergnügung ein etwas eingeschlafener Brauch wiederbelebt und neu gestaltet: Das Verteilen von kleinen Kirchweihbäumen, die freilich vorher geschlagen werden müssen, um die wichtigsten Stationen während der Kirchweih sowie die Gaststätten zu schmücken. „Das wollte jahrelang keiner machen. Wir haben das Baumaufstellen dann letztlich auf den Donnerstag vorverlegt. Überall wurde man dann auf ein Getränk eingeladen und es entstand eine schöne Runde. Nach ein paar Jahren war der Donnerstag dann der Kult-Tag für die fleißigen Burschenschaftler“, erinnert sich Deppisch.



Der „Jux-Wagen“ kommt

Ab Mitte der 1980er gesellte sich zu den Wagen, die einem über-geordneten Thema verpflichtet waren, dann noch der bis heute beliebte „Jux-Wagen“, der ein besonderes, meist ulkiges Ereignis der jüngeren Dorfgeschichte aufgreift und auf den die Menschen immer mit Spannung warten. „Sein Thema ist auch ein bestens gehütetes Geheimnis“, verrät Troll. In der Regel wird der Jux-Wagen von Personen mit Wagenbau-Erfahrung gestaltet, die aus Altersgründen der aktiven Burschenschaft eigentlich schon wieder den Rücken gekehrt haben, sich aber weiter in einem eigenem Team engagieren wollen. „Und auch hier gilt wieder – dieses Team macht irgendwann den Nachrückern Platz“, ergänzt Deppisch.


Gefürchtet ist dabei immer wieder der Kontrollgang des jeweiligen Burschenschaftsvorsitzenden, der die „Abnahme“ der Wagen vornimmt – natürlich gilt das auch für den Jux-Wagen. Da wird nicht nur darauf geschaut, ob der Bau ansprechend und hochwertig ausgeführt wurde, sondern auch, ob man das Thema den Zuschauern zumuten kann.


Bisher konnte man aber überzeugen – oder sich eben auf einige kleine Änderungen einigen. Auf diese Weise setzte das Jux-Wagen-Team in den Jahren 1997 bis 2013, als Karl-Josef Deppisch und Manfred Troll mit dabei waren, wurden auf diese Weise noch heute denkwürdige Geschehnisse umgesetzt.


Da wurde beispielsweise mal ein echtes Lamm auf einem echten Grill geschwenkt – in Anlehnung an die „Großwildjagd“ in Rödelsee, die entbrannt war, nachdem einem Landwirt seine Kamerun-Schafe ausgebüxt waren. Karl-Josef Deppisch machte in Talar mit Beffchen mal eine authentische Figur, als er einen Pfarrer nachspielte, der im Jahr zuvor die Kirchweih zu früh eingeläutet hatte. Unvergessen auch die Episode mit den betrunkenen Weinprinzessinnen, die bei einem Weinfassrennen selbst in den Dorfweiher gingen und dabei eine wenig königliche Figur machten.


„Die meisten Dargestellten freuen sich und sind beinahe gerührt, wenn sie auf dem Jux-Wagen vorkommen. Einige wenige regen sich aber freilich auch auf. Das muss man aushalten“, sind die beiden überzeugt.



Großes Geheule nach großer Feier

Kirchweihmontag ist der letzte Tag der „Kerm“, der noch im größeren Stil gefeiert wird. Traditionell werden dann die Restaurants und Häckerstuben Rödelsees zum Mittagessen aufgesucht. Und am Abend gibt’s dann die lange erwartete Kirchweihpredigt, in der das vergangene Jahr aus Rödelseer Sicht noch einmal auflebt und sich der ein oder andere mit seinem Missgeschick, aber auch seiner Leistung darin wiederfindet.


Am Dienstag darauf heißt es dann „stark sein“. Nicht nur, weil die Feier dann vorbei ist, sondern, weil die „Lukrezia Kirchweih“ (eine Puppe oder eine Flasche Wein) wieder eingegraben wird. Das ist eine symbolische Figur, die in Rödelsee bei der traditionellen Eingrabung der Kirchweih eine zentrale Rolle spielt. Dann versammeln sich die Burschenschaft, und Feiernde zu einem feierlichen, aber nicht ganz ernst gemeinten Trauerzug. Die Winzerkapelle Rödelsee, eigentlich für einen guten Ton bekannt, spielt dann absichtlich falsch. Und es darf keiner lachen!


Oft sind die Beteiligten in schwarze Kleidung gehüllt, um den „Abschied“ von der Kirchweih darzustellen. Eine humorvolle und satirische Predigt wird seit vielen Jahren von „Pfarrer“ Karl-Josef Deppisch gehalten, in der jede Menge Unsinn verbreitet wird. Nach dem Verlesen der Eingrabepredigt wird die Lukrezia mit einem weißen Tuch abgedeckt und in einem vorbereiteten Loch vergraben. Wichtige Utensilien dabei sind Laterne, Zylinder, Schirm – und natürlich Wein. Dies markiert das offizielle Ende der Kirchweih und soll bedeuten, dass die Feierlichkeiten erst im nächsten Jahr wieder aus dem „Grab“ geholt werden. Trotz der „Beerdigung“ wird meist noch einmal gemeinsam gefeiert. Manchmal gibt es ein letztes gemeinsames Lied oder einen letzten Umtrunk, bevor sich alle endgültig von der Kirchweih verabschieden.


Was die Burschenschaft sonst noch ausmacht

Immer wieder fanden sich in all den Jahren engagierte Mitglieder, die sich für den Verein einsetzten. Viele ehemalige Burschenschaftsmitglieder übernahmen später leitende Funktionen in den Vereinen oder sogar der kommunalen Politik. Nachdem in den späten 1980er Jahren das Interesse an Tanzabenden im bisherigen Format nachließ, entschied sich die Burschenschaft für eine Neuausrichtung: „Beatabende“, größere Bands mit einem hitverdächtigen Programm aus Charts und Klassikern, sowie eine Verlegung der Veranstaltung aus der Kelterhalle in ein Festzelt sollten neuen Schwung bringen.


Im Laufe der Jahre haben sich sowohl die Aufgaben als auch die Gestaltung der Veranstaltungen stetig weiterentwickelt. Dennoch bleibt das oberste Ziel der Burschenschaft die Pflege und Bewahrung des Brauchtums in der Gemeinde Rödelsee. Ihr Engagement ist dabei rein ehrenamtlich. Neben der Organisation der „Rädlser Kerm“, der Kirchweih in Rödelsee, richtet sie zahlreiche weitere Veranstaltungen aus, die alle Altersgruppen ansprechen und den Gemeinsinn stärken. Dazu zählen der Kinderfasching, der Faschingskehraus, das Maibaumaufstellen und natürlich die weithin bekannte Kirchweih.



Text: Timo Lechner, Fotos: studio zudem

Kommentare


Gemeinde Rödelsee

Vinfothek Schloss Crailsheim

Schlossstraße 2 

97348 Rödelsee
Tel. 09323 / 877 3663 

info@vinfothek-roedelsee.de

Winteröffnungszeiten:

November bis März:

Mo. – Do.:     14 – 18 Uhr

Fr.:                  12 – 20 Uhr

Sa.:                  11 – 18 Uhr

So.:                  14 – 18 Uhr

Sommeröffnungszeiten:

April bis Oktober:

Mo.:   10 – 18 Uhr

Di.:     12 – 18 Uhr

Mi.:     12 – 18 Uhr
Do.:     12 – 18 Uhr

Fr.:      10 – 19 Uhr

Sa.:      10 – 19 Uhr

So.:      13 – 19 Uhr

  • Facebook - Weiß, Kreis,
bottom of page