Komm, ich zeig dir Rödelsee
- atelier zudem Nitschke, Poser & Co. GbR
- vor 2 Tagen
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Dorfrundgang mit den Rödelseer “Originalen“
Karl Weltner und Peter Hess
In der Dorfmitte fällt ein Wagenrad an einem Haus schon von weitem auf. Es ist das „Elfleinshäusla“, ein altes, liebevoll renoviertes Wohn-, Geschäfts- und Winzerhaus. Es war mal eine alte Huf- und Wagenschmiede mit einer angeschlossenen benachbarten Wagnerei. „Solche alten Betriebe könnten heute mit Autowerkstätten verglichen werden, da es als Transportmittel nur Kutschen und Fuhrwerke gab“, lacht Peter Hess der ebenso wie Karl Weltner in Rödelsee aufgewachsen ist. Mit den beiden geht’s auf einen unterhaltsamen Dorfrundgang an Ecken, deren Geschichte heute nur noch wenige wissen.

Der Rundgang beginnt am „Elfleinshäusla“, heute ein Dorfmuseum mit originaler Einrichtung des späten 19. Jahrhunderts bis ins junge 20. Jahrhundert. Es beinhaltet auch heute noch eine komplett erhaltene Schmiede zur Freude von Schulkindern, die bei gewissen Anlässen unter Aufsicht ehrenamtlicher Schmiede selbst anfassen dürfen. Wer dieses Kleinod in der Dorfmitte besucht, bekommt einen authentischen Eindruck, wie einst gelebt und gearbeitet wurde.
Gegenüber war eine der zwei Bäckereien von Rödelsee. Daneben findet man mit dem „Löwenhof“ und der „Winzerstube“ zwei stattliche Gasthöfe. Der Löwenhof war in alter Zeit ursprünglich der Sitz der „castellischen Zehnt-Verwaltung.
Nebenan die „Winzerstube“ beherbergte bis in die Neuzeit einen Kolonialwarenladen – ein Geschäft, das bis ins 20. Jahrhundert an vielen Orten weit verbreitet war. Dort wurden Lebensmittel und Waren wie Kaffee und Gewürze wie Zimt, Pfeffer und Muskat oder Seifen, Tabak, offenes Sauerkraut vom Fass, Haushaltswaren und sogar Spritzmittel angeboten. Die Waren stammten oft aus den ehemaligen deutschen Kolonien – daher der Name. Neben diesen Laden gab es noch den „Gemischtwarenladen Rieder“ mit der Besonderheit gelegentlicher Abgabe von Salzheringen aus dem Fass sowie Bratheringe. Dieser Laden befand sich gegenüber dem Schloss Crailsheim und ist heute ein normales Wohnhaus.

Geht man vom „Elfleins- häusla“ aus die Wiesenbronner Straße weiter hoch, gelangt man vorbei an einer ehemaligen Judenschule und dem evangelischen Pfarrhaus mit der Nummer 7 dann zur Nummer 11, wo einst eine Schuhhandlung ihren Sitz hatte. Der Verkauf hat sich hauptsächlich mit Gummistiefel und Hausschuhe befasst. (Im Dialekt als Schlappen bezeichnet) Gegenüber, die Straße hoch, befand sich eine AVIA-Tankstelle und Schlosserei, daneben der Nachbar mit einer Schmiede. Das nächste Haus war früher der evangelische Kindergarten.
„Man macht sich heute keine Begriffe mehr, dass Rödelsee mehrere Tore von allen Zufahrten her besaß, die aber schon im 18. Beziehungsweise anfangs des 19. Jahrhunderts abgebrochen wurden. Hier in der Wiesenbronner Straße stand einst das Wiesenbronner Tor. Der Weg geht weiter rechts in die Dorfgrabenstraße, vorbei am katholischen Pfarrheim St. Josef, einst ein Pendant zum benachbarten evangelischen Kindergarten.
Am Ende der Straße steht man jetzt neben dem Weingut Heß in der Alten Iphöfer Straße an einer der neu geschaffenen Info-Stelen Rödelsees, wo sich früher das Iphöfer Tor befand. Entlang der Alten Iphöfer Straße schlängelte sich einst ein Bach. Weltner und Hess können sich noch gut an die Zeiten erinnern, als die Wege an den Rändern je nach Wasserstand teils verdreckt waren. Heute dagegen geht man sauberen Fußes über die Gehwege da der Bach verrohrt ist.

Nach wenigen Schritten lugt rechts der eindrucksvolle, zackig wirkende Giebel des Ebracher Hofs hervor – ein historisches Gebäude aus dem 17. Jahrhundert, mit einer besonderen Vergangenheit. Ursprünglich gehörte es dem Zisterzienserkloster Ebrach, das hier einen Wirtschaftshof betrieb. Solche Höfe, auch Klosterhöfe genannt, dienten als Zehnthöfe der Verwaltung und Lagerung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Der Ebracher Hof ist ein geschütztes Baudenkmal und ein schönes Beispiel für die fränkische Bauweise. Heute wird das Gebäude als Wohnhaus genutzt.
Richten wir nun den Blick auf die linke Seite der Alten Iphöfer Straße wird man an die Zeit der jüdischen Bevölkerung und deren Kultur in Rödelsee erinnert, denn hier stand eine Synagoge, die das Zentrum des jüdischen Gemeindelebens im Ort bildete. Die jüdische Gemeinde in Rödelsee hatte eine lange Geschichte und war bis ins 20. Jahrhundert aktiv. Während der Pogrome am 9. November 1938 („Reichspogromnacht“) wurde die Synagoge verwüstet und ausgeräumt. Um diese Zeit nicht zu vergessen sind im Boden des Gehweges drei Gedenksteine angebracht, die an die letzten Bewohner die im Vorderhaus zur Synagoge gelebt hatten erinnern. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die teilweise zerstörte Synagoge schließlich abgerissen.
Weiter geht’s durch die Bachgasse, wo man auf die ehemalige Zehntscheune der Grafen von Castell stößt, die starken Einfluss in Rödelsee hatten. Nur die älteren Bürgerinnen und Bürger erinnern sich, dass eine von zwei Bäckereien hier war und gleich daneben das Gasthaus „Blaue Traube“.

PeterHess als Kind im damaligen Kolonialwarenladen
In der Zehntgasse befand sich einst die Metzgerei Hammer (später Hess). Wo heute der Rödelseer Dorfladen ist, vergnügten sich einst die Bürgerinnen und Bürger zum Kirchweihtanz in einer Kelterhalle, die extra für feierliche Anlässe freigeräumt wurde.
Und schon steht man an der evangelischen Kirche, die ebenso wie die katholische Kirche im Dorf dem Heiligen Bartholomäus geweiht ist. Auf der anderen Straßenseite lebte einst der Schuster Behringer, der sich nicht nur um die Funktion der Turmuhren gekümmert hat, wie Peter Hess weiß. „Der hat auch an den leeren Wurstdosen immer wieder die Ränder abgeschnitten und nach dem Befüllen mit Deckel wieder „hermetisch“ verschlossen, so lange, bis sie einfach zu klein waren.“ Karl Weltner ergänzt, dass es später mit der Werkstatt von Schuster Bayer eine zweite Schusterei im Dorf gegeben hatte.
Von dort aus sind es nur noch wenige Meter hinüber zu einem unscheinbar wirkenden, modern hergerichteten, aber geschichtsträchtigen Haus in der Schlossstraße 8, das einst von einem Mann, mit seiner Frau bewohnt war, dessen Urenkel internationale Karriere machen sollte. Die Rede ist von Abraham und Fanny Kissinger, die Urgroßeltern des ehemaligen US-Außenministers Henry Kissinger (2023 verstorben). Sein Großvater David wurde 1860 hier in diesem Haus geboren. Sie gehörten zur jüdischen Gemeinde des Ortes, die dort über viele Jahrhunderte lebte.
Abraham Kissinger war ein jüdischer Weber, wie viele jüdische Bürger in Franken damals. David war Lehrer. Die Familie Kissinger lebte in Rödelsee, bevor sie später nach Fürth zog. Der Name Kissinger leitet sich von der Stadt Bad Kissingen ab, da die
Familie ursprünglich aus Kleineib-stadt bei Bad Kissingen stammte. Henry Kissinger, der 1923 in Fürth geboren wurde, hatte also familiäre Wurzeln in Rödelsee. Heute erinnert in Rödelsee eine Gedenktafel an die jüdische Gemeinde.
Etwa einen Kilometer außer- halb von Rödelsee, Richtung Weinberge und Iphofen befindet sich noch einer der größten jüdischen Bezirksfriedhöfe (fast 19.000 m2) Süddeutschlands. Erstmals 1432 erwähnt, mit fast 5000 Grabstellen. Heute sind noch etwa 2000 Grabsteine beziehungsweise Fragmente dort zu sehen.
Text: Timo Lechner, Fotos: studio zudem




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