Die Bewahrer der Tradition
- atelier zudem Nitschke, Poser & Co. GbR
- vor 3 Tagen
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Das Geheimnis der Rödelseer Siebener
Die Feldgeschworenen, auch „Siebener“ genannt, sind ein altes, bis heute existierendes Ehrenamt in Bayern, vor allem in Franken. Ihre Aufgabe ist die Wahrung und Überprüfung von Grundstücksgrenzen innerhalb einer Gemeinde. Auch in Rödelsee gibt es seit dem frühen 15. Jahrhundert Siebener. Die amtierenden Feldgeschworenen erzählen von ihrer Arbeit und ihren Traditionen.

Die Tradition der Siebener reicht bis ins Mittelalter zurück, als ländliche Gemeinden begannen, ihre Grundstücksgrenzen festzulegen und zu sichern. Damals gab es noch keine modernen Vermessungstechniken, sodass Grenzsteine und natürliche Markierungen entscheidend waren, um Eigentumsrechte zu schützen. Obwohl moderne Vermessungstechniken die Arbeit der Siebener teilweise ersetzt haben, gibt es dieses Ehrenamt in vielen fränkischen Gemeinden noch immer. Es ist ein wichtiges Stück regionaler Identität und Brauchtums.
Die Rödelseer Siebener sind stolz auf ihr Protokollbuch aus dem Jahr 1785, das einige Jahrhunderte zurückreicht und bis heute geführt wird. Früheste schriftliche Aufzeichnungen stammen aus dem Jahr 1669. So lässt sich über den gesamten Zeitraum ablesen, wie sich in Rödelsee die Eigentumsverhältnisse verändert haben und wann und ob Grundstücksgrenzen neu geordnet wurden.
Die Feldgeschworenen waren schon damals für die Sicherung und Kontrolle der Grenzmarkierungen zuständig. Sie arbeiteten eng mit dem jeweiligen Landesherrn oder den kommunalen Verwaltungen zusammen, um Streitigkeiten zu vermeiden. Mit der fortschreitenden Entwicklung der Landwirtschaft und des Rechtswesens wurden die Feldgeschworenen offiziell in die kommunale Verwaltung eingebunden.

Was Siebener tun
„Siebener“ überprüfen und markieren Grundstücksgrenzen, indem sie beispielsweise Grenzsteine setzen und kontrollieren. Alleine 145 sind das in Rödelsee. Zudem werden Siebener bei der Schlichtung von Grenzstreitigkeiten zwischen Grundstückseigentümern
hinzugezogen – immer in enger Zusammenarbeit mit den Vermessungsbehörden. Wenn Flurbereinigungsverfahren anstehen, sind sie ebenso mit gefragt. Die fand in Rödelsee während der Jahre 1962 bis 1970 statt – eine Zeit, die gerade in den Weinlagen Rödelseer Küchenmeister und Schwanleite sichtbar ihre Spuren hinterlassen hat, schaut man sich den geraden Verlauf der Parzellen an Weinbergen und auch die Weinbergswege an.
Warum Siebener „Siebener“ heißen, weiß heute keiner mehr ganz genau. Der Name kommt vermutlich daher, dass das Gremium ursprünglich aus sieben Personen bestand. In Rödelsee sind es aber nur sechs – Frank Ruß, als Obmann der Vorsitzende, sein Stellvertreter Tobias Hemberger, daneben Willi und Michael Melber, Dieter Meyer und Markus Troll. Ehrensiebener ist Emil Deppisch. Der 85-Jährige ist seit einigen Jahren Ehrensiebener und nimmt aus Altersgründen nicht mehr an den Unternehmungen der Siebener aus Rödelsee teil.
Wer Siebener werden kann
„Das Amt ist aber auf Lebenszeit angelegt“, erklärt Willi Melber, selbst schon seit beinahe über 40 Jahren Siebener. Ein Ausscheiden kann durch Alter, Krankheit oder auf eigenen Wunsch erfolgen. Melber kann sich noch sehr gut an den Tag erinnern, als er im Alter von 27 Jahren gefragt wurde, Teil der Rödelseer Feldgeschworenen-Gemeinschaft zu werden. „Das ist eine echte Ehre“, ist Melber überzeugt. Denn als Anwärter auf dieses Amt muss man nicht nur seinen festen Wohnsitz im Ort sowie einen landwirtschaftlichen Betrieb (alles von Viehhaltung über Acker- und Weinbau bis hin zu Forstwirtschaft ist möglich) vorweisen. Oft werden neue Siebener aus Familien gewählt, in denen es bereits Feldgeschworene gab.
Personen, denen das Siebener-Amt angetragen wird, weisen sich in der Regel auch durch besondere charakterliche Eigenschaften aus. Ein Siebener braucht eine Mischung aus Präzision, Ehrlichkeit, Gerechtigkeitssinn und Ortskenntnis. Wer diese Eigenschaften mitbringt, kann das Amt gut ausfüllen – unabhängig davon, ob Mann oder Frau. Denn Frauen dürfen das Amt einer Feldgeschworenen seit 1981 ausüben. Siebener müssen neutral bleiben und keine persönlichen Interessen verfolgen. Bei Grenzstreitigkeiten sollen sie schlichten, nicht Partei ergreifen. Ein präziser Blick für Details ist wichtig, um Veränderungen oder Manipulationen an Grenzsteinen zu erkennen.
Wie man Siebener wird

Die Bestellung eines Feldgeschworenen erfolgt durch die Gemeinde, genauer gesagt durch den Gemeinderat. Dabei gibt es feste Regeln und Abläufe: Der Rat wählt neue Siebener, wenn eine Stelle frei wird. Die Wahl erfolgt auf Vorschlag der bestehenden Siebener oder durch Interessierte aus der Gemeinde. Nach der Wahl bestätigt der Erste Bürgermeister die Ernennung offiziell. Der neu gewählte Siebener muss einen Eid oder ein Gelöbnis auf die Verfassung ablegen, wie es bayernweit einheitlich geregelt ist: „Ich schwöre (oder gelobe), das mir übertragene Amt als Feldgeschworener gewissenhaft, unparteiisch und nach bestem Wissen und Gewissen auszuüben, das Feldgeschworenengeheimnis zu wahren und die bestehenden Rechtsvorschriften zu beachten. So wahr mir Gott helfe.“ Alternativ kann der Eid auch ohne religiöse Bekräftigung abgelegt werden.
Darin verpflichtet er sich, das Amt unparteiisch, gewissenhaft und verschwiegen auszuüben. Nach der Vereidigung ist er offiziell Feldgeschworener. Eine Rödelseer Besonderheit ist der Leitspruch der hiesigen Siebener, der unter dem Motto „Was Ihr ererbt von Euren Vätern – erwerbt es, um es zu besitzen“ überschrieben ist. Darin enthalten eherne Werte, die hoch gehalten werden. Hier einige Auszüge: „Weil wir uralte Pflicht, uraltes Recht verrichten, um jede Feindschaft, jeden Streit zu schlichten“ oder „Der Grenzen Unverletztlichkeit und strenge Wahrung, die uns´re Väter seit Jahrhunderten gepflegt, ihr treuer Fleiß, die redliche Erfahrung, sie sind uns Heutigen ans Herz gelegt.“
Das Siebener-Geheimnis
Gute Kenntnis der Flur, der Grundstücke und der historischen Grenzverläufe ist wichtig. Oft stammen Siebener aus Familien, in denen dieses Wissen über Generationen weitergegeben wurde. Die Siebener arbeiten als Gruppe zusammen und müssen gut kommunizieren können. Sie müssen vertrauenswürdig sein und sich an ihre Schweigepflicht halten – vor allem, wenn es um das sogenannte „Siebener-Geheimnis“ geht. „Das kriegt aus uns keiner was raus“, versichert Frank Ruß. Immer wieder versuchen es Neugierige trotzdem. Dann weichen die Feldgeschworenen-Profis gerne mal mit einem Witz aus. „Ich erzähle dann, wir Rödelseer legen unter einen Grenzstein immer eine Bratwurst mit Kraut, die Nachbarn verwenden Knöchle“, lacht er. Meist sind die Diskussionen dann auch schnell beendet.
Das bayerische Landesamt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung schreibt hierzu, dass die Feldgeschworenen die Lage der Grenzsteine mit geheimen Zeichen kennzeichnen, die von Ort zu Ort unterschiedliche auch „Unterlagen, Beleg, Zeugen oder Geheimnis“ genannt werden. Die Siebenerzeichen sind in der Regel besonders geformte und beschriftete Zeichen aus einem beständigen Material wie Ton, Glas, Porzellan oder Metall. Diese Zeichen werden im Bereich des Grenzsteins in einer bestimmten, allerdings nur den Feldgeschworenen bekannten Anordnung ausgelegt, an der ein jeder Feldgeschworene sofort sieht, ob ein Grenzstein verändert wurde.
Und das geschieht immer wieder – wenngleich meistens auch eher aus Versehen oder purer Schusseligkeit, wenn beispielsweise ein Landwirt auf dem Feld beim Ackern einen ausgräbt oder verschiebt. Alle drei Jahre findet in den Wäldern am Schwanberg ein Grenzgang statt. Durch das jährliche „Holzrücken“ kommt es regelmäßig zu unfreiwilligen Grenzverletzungen. „Wir sind immer sehr dankbar, wenn wir darauf hingewiesen werden. Oft merken es die Verursacher aber gar nicht oder es ist ihnen schlichtweg egal, wenn sie beispielsweise im Wald als externen Arbeiter tätig sind und nach Feierabend eben nach Hause gehen“, meint Ruß.

Das Siebenerwesen ist also eine der ältesten noch gelebten Rechtstraditionen Bayerns. Trotz aller technischen Fortschritte bleibt die Erfahrung und Ortskenntnis der Siebener wertvoll. Ihre Arbeit sichert das Eigentum der Menschen und bewahrt ein Stück fränkischer Geschichte – ein lebendiges Beispiel für gelebtes Brauchtum in der modernen Zeit.
Rödelseer Verhältnisse
Rund 700 Hektar Fläche besitzt Rödelsee – davon etwa 350 Hektar Feld, die andere Hälfte ist Wald. Mit eingerechnet sind 100 Hektar Weinbau. Wer sich nun fragt, was mit den bereits versiegelten und bewohnten Flächen ist – die sind ebenfalls mit in den 700 Hektar enthalten. „Zuschnitte von Grundstücken oder deren Ränder verändern sich in der Regel nicht – egal, ob auf der Fläche Feldfrüchte angebaut werden oder ein Haus entsteht“, erklärt Obmann Ruß.
Siebener und die Behörden
Obwohl das Amt ehrenamtlich ist, gibt es manchmal eine kleine Aufwandsentschädigung für Einsätze. „Siebener ist aber kein Job, in dem man reich wird“, versichern die beiden. Wenn beispielsweise ein neues Baugebiet ausgewiesen wird, ist man schnell mal mehrere Tage am Stück lang unterwegs. Melber erinnert sich in den vier Jahrzehnten seiner bisherigen Amtszeit an größere Projekte wie die Ortsumgehungstraße, den Bau von Kreisverkehren und immer mehr neues Bauland, das in Rödelsee im Laufe der Jahre erschlossen wurde – alles Fälle für Vermessungsamt, und damit für Siebener.
Mit den amtlichen Kollegen sei man seit je her im guten Austausch. „Man braucht sich gegenseitig, in der Behörde man uns vielleicht noch ein bisschen mehr, weil wir halt vor Ort die Kleinarbeit mit der Grenzsicherung erledigen“, sagt Melber. Er und seine Männer kennen wohl buchstäblich jeden Quadratzentimeter ihrer Heimat.
Text: Timo Lechner, Fotos: studio zudem




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